Ölpreise werden in der Regel als Terminpreis für Rohöl angegeben, wobei Brent und WTI die wichtigsten Referenzwerte sind. Die Wirtschaft ist jedoch eher auf raffinierte Produkte wie Diesel, Benzin und Düsentreibstoff angewiesen als auf Rohöl selbst, und die Kosten für die Umwandlung des einen in das andere werden als Raffineriemarge oder „Crack-Spread“ bezeichnet. Rechnet man diesen Spread zum Brent-Preis hinzu, erhält man einen Anhaltspunkt dafür, was der Endverbraucher tatsächlich bezahlt, und auf dieser Grundlage liegt der Durchschnittspreis derzeit bei etwa 140–180 US-Dollar pro Barrel.

Warum die Raffineriemargen hoch sind

Das Angebot an Rohöl und Raffinerieprodukten ist an mehreren Stellen gleichzeitig eingeschränkt: Die europäischen Raffineriemargen erreichten in diesem Sommer einen Rekordwert von 50 US-Dollar pro Barrel, und die Margen für Diesel stiegen auf 100 US-Dollar pro Barrel, wobei die Gesamtendkosten für Diesel einen Rekordwert von 200 US-Dollar pro Barrel erreichten. Diese Margen dürften hoch bleiben, da derzeit weltweit ein Defizit von über 10 % an Raffineriekapazität besteht.

  • Die Auslastung der Raffinerien im Nahen Osten liegt aufgrund von Sachschäden und Exportbeschränkungen durch die Straße von Hormuz und Bab al-Mandab etwa ein Viertel unter dem Niveau vor Februar.
  • Russische Raffinerien arbeiten nach wiederholten Drohnenangriffen mit etwa 40 % unter ihrer Kapazität, und der Export von Raffinerieprodukten wurde im Juli verboten; das Verbot wurde inzwischen bis Ende Oktober verlängert. Russland liefert rund 10 % des weltweiten Dieselbedarfs.
  • China hat den Export von Raffinerieprodukten seit März eingeschränkt und betreibt seine Raffinerien deutlich unterhalb ihrer Kapazität.
  • Auf die USA entfallen über 20 % der weltweiten Dieselexporte; eine Beschränkung dieser Exporte wird derzeit diskutiert, wurde jedoch noch nicht angekündigt; der Markt hätte Schwierigkeiten, eine solche Beschränkung aufzufangen.

Der Rohölpreis und geopolitische Faktoren

Im Jahr 2026 haben zwei Faktoren den Rohölpreis dominiert: die Frage, ob Öl den Golf physisch verlassen kann, und die Aussichten auf Frieden in der Region. Der Brent-Preis stieg über 100 US-Dollar pro Barrel, als der Tankerverkehr zusammenbrach, fiel mit dem sommerlichen Waffenstillstand und der Rückkehr der Tanker auf Werte im unteren 70er-Bereich pro Barrel, bevor er nach Ablauf der Absichtserklärung ohne Friedensabkommen wieder in Richtung 100 US-Dollar pro Barrel stieg. Jedes Ergebnis ist binär und hängt von geopolitischen Entscheidungen ab, was bedeutet, dass jede Einschätzung des Ölpreises von der Annahme abhängt, dass der Konflikt gelöst wird – eine Möglichkeit, die noch nicht in Sicht ist.

Warum die Preise hoch bleiben könnten

Die Preise dürften auch nach der Wiederaufnahme der Öllieferungen hoch bleiben. Die Lieferungen aus dem Nahen Osten haben sich auf mindestens drei Viertel ihres Niveaus vor dem Konflikt erholt, dennoch notiert Brent weiterhin bei rund 100 US-Dollar pro Barrel. Zudem lagen die Preise für Spot-Lieferungen – nicht für Terminkontrakte – in der Nordsee und im Nahen Osten im Durchschnitt bei 125–135 US-Dollar pro Barrel, was einen erheblichen Aufschlag gegenüber den Terminkontrakten darstellt und die Ansicht stützt, dass die Preise unter Berücksichtigung einer höheren Risikoprämie neu bewertet wurden. Die strategischen Reserven und kommerziellen Lagerbestände in vielen Ländern befinden sich auf dem tiefsten Stand seit Jahrzehnten und schwinden mit jedem Tag weiter, an dem die Versorgungsunterbrechung andauert. China, der weltweit größte Importeur, hat seine Einkäufe drastisch reduziert und greift weiterhin auf seine eigenen Reserven zurück. Es ist zudem zu beachten, dass ganz allgemein strategische Reserven abgebaut wurden und die kommerziellen Lagerbestände auf historischen Tiefstständen liegen. Der Wiederaufbau der weltweiten Ölvorräte stellt daher eine neue Nachfragequelle dar, zu der noch die Notwendigkeit hinzukommt, dass Länder, die über keine strategischen Reserven verfügen, solche Reserven für ihre eigene Energiesicherheit aufbauen müssen. Auch die Logistik verursacht zusätzliche Kosten: Marineeskorten, höhere Fracht- und Versicherungskosten sowie längere Transportzeiten verteuern den Lieferpreis um mehr als 30 US-Dollar pro Barrel.


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