Auf dem Schweizer Finanzplatz macht sich eine gewisse Nervosität breit. Dem am 27. Mai veröffentlichten Global Wealth Report der Boston Consulting Group (BCG) zufolge hat Hongkong die Schweiz in der globalen Vermögensverwaltung von ihrem Spitzenplatz verdrängt. Eine Premiere.
Es drängt sich folgende Frage auf: Ist dies ein Anzeichen für den Bedeutungsverlust unseres Landes, dessen Reputation nicht zuletzt auf seiner Fähigkeit beruht, ausländische Vermögenswerte anzuziehen? Eine solche Lesart wäre ebenso oberflächlich wie trügerisch. Diese Entwicklung rechtfertigt weder den Triumphalismus der einen noch die Dramatisierung durch die anderen. Sie ist vor allem das Ergebnis einer schrittweisen Neuordnung der weltweiten Vermögenslandschaft. Zu beachten ist zudem, dass diese Rangliste ausschliesslich grenzüberschreitend verwaltete Privatvermögen erfasst und nicht die gesamte Vermögensverwaltungstätigkeit. Zudem beträgt der Vorsprung des einen gegenüber dem anderen Finanzplatz gerade einmal 0,34 % der betreffenden verwalteten Vermögen.
Die Rangliste sagt mehr über die Dynamik Asiens als über die Position der Schweiz aus
Der Aufstieg Hongkongs stützt sich massgeblich auf den Wohlstandszuwachs in Festlandchina, dessen Vermögen einen überwiegenden Teil der in Hongkong verwalteten Vermögenswerte darstellen. Hinzu kommen ein wieder anziehender Markt für Börsengänge und die wiedergefundene Dynamik der asiatischen Börsen. Folglich sind die grenzüberschreitenden Privatvermögen dort zuletzt schneller gewachsen als am Schweizer Finanzplatz: 2025 legten sie in Hongkong um 10,7 % zu, gegenüber 7,6 % in der Schweiz, die dennoch weiterhin ein solides Wachstum verzeichnete.
Diese Rangliste weist also weniger auf eine Erosion der Stellung der Schweiz als auf den beschleunigten Aufstieg Asiens hin. Sie fügt sich in einen umfassenderen Trend der Regionalisierung ein: Vermögen werden vermehrt in den Wirtschaftsräumen verwaltet, aus denen sie hervorgehen. Hongkong profitiert von der Dynamik Chinas; die Schweiz bleibt die führende Plattform für international diversifizierte Vermögen. Der Unterschied ist bedeutend. Der eine Finanzplatz verdankt seine Stärke der Nähe zu einem konzentrierten Wachstumsmotor. Der andere baut auf einem diversifizierten Fundament und einer international anerkannten Expertise in der grenzüberschreitenden Vermögensverwaltung auf.
Resilienz und Vermögensplanung
Die Vorzüge der Schweiz sind hinlänglich bekannt, doch gerade im aktuellen Umfeld kommen sie besonders zur Geltung: politische und institutionelle Stabilität, eine starke Währung, eine niedrige Inflation und ein breit aufgestelltes Finanzökosystem. Entscheidend ist zudem, dass die Schweiz auf eine breit diversifizierte internationale Kundschaft zählen kann, deren Herkunft sich ausgewogen auf Europa, den Nahen Osten, Nord- und Südamerika und den Asien-Pazifik-Raum verteilt. Die breite geografische Streuung trägt auch dazu bei, Schocks in Zeiten wachsender geopolitischer Spannungen abzufedern. Gerade diese Streuung ermöglicht zudem ein breiteres Leistungsangebot: aktive Vermögensverwaltung über mehrere Währungen hinweg, strukturierte Lösungen und – ein oft unterschätzter Aspekt – Vermögensplanung auf höchstem Niveau.
Unter Vermögensplanung, auch Wealth Planning genannt, versteht man die langfristige Abstimmung von Familien-Governance, internationaler Mobilität, internationaler Steuerstrukturierung und Anlagestrategie über mehrere Generationen hinweg. Konkret bedeutet dies, Vermögensstrukturen über verschiedene Gerichtsbarkeiten hinweg zu organisieren, Nachfolgeregelungen vorausschauend zu planen, solide Governance- und Entscheidungsprozesse festzulegen und diese mit einer Anlagestrategie zu verbinden, die dem Anlagehorizont, den Liquiditätsanforderungen und den operationellen Risiken Rechnung trägt.
Gerade in diesem Bereich – der Beherrschung internationaler Komplexität – verfügt der Schweizer Finanzplatz weiterhin über einen Wettbewerbsvorteil. Grenzüberschreitende Vermögen gewinnen an grösserer internationaler Ausrichtung, während Familienmitglieder in mehreren Ländern leben, unternehmerisch tätig sind und investieren und dies bei gleichzeitig zunehmender regulatorischer Komplexität. In diesem Umfeld entsteht greifbarer Mehrwert, wenn Vermögensanlage und Wealth Planning miteinander verknüpft werden. Dadurch können Vermögensallokationen in passende rechtliche Strukturen eingebettet, Liquidität und Risiken entsprechend den Zielsetzungen gesteuert und die Exponierungen an die Governance-Vorgaben angepasst werden. Das ist weniger sichtbar als ein Spitzenplatz irgendeiner Rangliste, aber wesentlich schwerer nachzuahmen.
Ein willkommenes Warnsignal
Dennoch täte die Schweiz gut daran, das Signal, das von dieser Rangliste ausgeht, nicht zu ignorieren. Die wahre Gefahr liegt nicht im Verlust eines symbolischen ersten Platzes, sondern in der Annahme, dieser sei selbstverständlich gewesen.
Die wachsende Bedeutung neuer Finanzzentren und die sich wandelnden Erwartungen der Kunden erfordern, dass die Schweiz nach wie vor in Fachkräfte, Innovation und die Attraktivität des Finanzplatzes investiert. Die Stabilität des regulatorischen Umfelds ist ein Vorteil, sofern sie nicht zu einer wettbewerbshemmenden Starrheit wird.
Im Kern geht es nicht um den Vergleich zwischen Hongkong und der Schweiz, sondern um das Verständnis zweier sich ergänzender Modelle. Während Hongkong von einem regionalen Wachstumszyklus getragen wird, stellt die Schweiz eine Plattform zur langfristigen Sicherung, Strukturierung und Übertragung von Vermögen dar. Neue Spitzenplätze. Unveränderte Stärken.
Im Kern geht es nicht um den Vergleich zwischen Hongkong und der Schweiz, sondern um das Verständnis zweier sich ergänzender Modelle.