Liquidität ist zu einem zentralen Faktor für Stabilität im Bankensektor geworden. Eine Bank kann  gute Rentabilität aufweisen, über eine solide Eigenkapitalausstattung verfügen und  regulatorische Anforderungen erfüllen, und trotzdem anfällig sein, dann nämlich, wenn ihr zur  Bewältigung einer Vertrauenskrise seitens ihrer Kunden ausreichende Liquidität fehlt.

Der  Konkurs der Silicon Valley Bank in den USA und der Zusammenbruch der Credit Suisse haben  gezeigt, dass ein «Bank Run» ein Finanzinstitut – unabhängig von Grösse oder Rentabilität – innerhalb weniger Tage zu Fall bringen kann, wenn nicht genügend Liquidität vorhanden ist. 

Die FINMA hat aus solchen Fällen ihre Lehren gezogen und nun die Anforderungen an das  Liquiditätsmanagement mit einer neuen Verordnung (OLiq-FINMA) verstärkt, die am 1. Januar  2027 in Kraft treten wird. Diese Reform ist Teil eines umfassenderen Konzepts, das die Schweizer Behörden seit 2023 verfolgen und darauf abzielt, das Paradigma «Too big to fail» zu ändern. Im  Mittelpunkt steht folgendes Ziel: Die Schweizer Banken sollen unabhängig von ihrer Grösse besser auf eine Vertrauenskrise vorbereitet sein und ihre Verpflichtungen auch unter extremen  Bedingungen erfüllen können. 

Von einem statischen zu einem dynamischen Ansatz

Bislang konzentrierte sich obgenannter Ansatz hauptsächlich auf die Einhaltung aufsichtsrechtlicher Kennzahlen wie die Liquiditätsdeckungsquote (Liquidity Coverage Ratio).  Diese verlangt von den Banken, über ausreichend hochwertige liquide Vermögenswerten zu verfügen, um schwierige Zeiten zu überstehen. 

Die FINMA möchte nun jedoch einen Ansatz einführen, der stärker auf einer aktiven Steuerung des Liquiditätsrisikos beruht. Im Detail bedeutet dies vor allem eine genauere Überwachung der  Zahlungsströme, regelmässige Analysen von Krisenszenarien, ein besseres Verständnis des Kundenverhaltens sowie eine klar geregelte Zuständigkeitsverteilung in Notfallsituationen. 

Die zentrale Frage lautet nicht mehr nur: «Über wieviel Liquidität verfügt eine Bank?», sondern vielmehr: «Wie lange kann eine Bank in verschiedenen Krisenszenarien weiterarbeiten und welche Massnahmen kann sie rasch ergreifen?» 

Im Rahmen dieser neuen Verordnung sollen die Banken ihre Fähigkeit analysieren, extreme, aber plausible Situationen zu bewältigen. Dazu gehören ein Bank Run, wenn Kunden ihre Einlagen in  Massen abgeben, eine vorübergehende Stilllegung der Finanzierungsmärkte, eine Herabstufung des Kreditratings und Druck auf bestimmte Währungen. 

Besonderes Augenmerk gilt dabei der Finanzierungsstruktur. Eine grosse Anzahl Kleindepots von Privatkunden gilt im Allgemeinen als stabiler als eine begrenzte Anzahl sehr grosser  institutioneller Kunden, die ihre Liquidität schnell abziehen könnten. Für Banken, die in der internationalen Vermögensverwaltung tätig sind, kommt diesem Aspekt besondere Bedeutung zu.

Ein «Bank Run» kann ein Finanzinstitut – unabhängig von Grösse oder Rentabilität – innerhalb weniger Tage zu Fall bringen, wenn nicht genügend Liquidität vorhanden ist.  

Eine weitere wichtige Entwicklung weist der Geschäftsleitung und dem Verwaltungsrat zunehmend die Verantwortung für das strategische Liquiditätsmanagement zu. Die Liquidität muss in geschäftliche Entscheidungen einbezogen werden, u.a. Kreditwachstum, Einlagenpolitik, Investitionen, Akquisitionen oder internationale Expansion. Eine Disziplin, die manchmal als einschränkend empfunden wird, im Krisenfall jedoch entscheidend sein kann. 

Für die Banken dürfte diese Verordnung vor allem interne Auswirkungen haben. Sie erfordert eine vorsichtigere Bilanzführung, eine gründlichere Analyse gewisser Verbindlichkeiten und ein erhöhtes Augenmerk auf die Qualität und Stabilität der Finanzierungsquellen. 

Eine effiziente Liquiditätsverwaltung erfordert von den Banken, dass sie nahezu in Echtzeit einen konsolidierten Überblick über ihre Positionen haben: verfügbare Liquidität, Finanzierungsbedarf, Fälligkeiten, verwertbare Sicherheiten und nach Währungen strukturierte Risiken. IT-Systeme werden daher zu einem entscheidenden Faktor, insbesondere in Stresssituationen. 

Für die Kunden der Schweizer Banken dürften diese neuen Vorschriften keine spürbaren Veränderungen im Alltag mit sich bringen. Denn sie bedeuten nicht, dass die Banken ihre Aktivitäten einschränken oder den Zugang zu Einlagen beschränken werden. Im Gegenteil: Ziel ist es, die Sicherheit des Schweizer Bankensystems zu festigen. 

Mehr als nur eine regulatorische Auflage – ein kultureller Wandel

Liquiditätsprobleme entstehen nicht allein infolge fehlender Vorschriften. Sie treten oft auf, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen: eine übermässige Risikokonzentration, starke Abhängigkeit von bestimmten Finanzierungsquellen, eine verlangsamte Reaktion des Managements oder die Unterschätzung der Geschwindigkeit, mit der sich eine Krise entwickeln  kann. 

Die Digitalisierung hat die Finanzströme erheblich beschleunigt. Heute können beträchtliche Summen innerhalb weniger Stunden transferiert werden. Eine in sozialen Netzwerken geäusserte Besorgnis kann einen potenziellen Vertrauensverlust schnell verstärken. Die neue Realität erfordert eine wesentlich raschere Reaktionsfähigkeit im Liquiditätsmanagement. 

Die Schweiz kann eine lange Tradition der Stabilität im Bankensektor vorweisen. Die Behörden  möchten ihren Ruf bewahren, indem sie die Widerstandsfähigkeit des Finanzsystems weiter stärken. 

Für Schweizer Institute wird ihre Liquidität somit zu einem echten «Vertrauensnachweis». 

In einer Welt, in der Vertrauen innerhalb weniger Stunden schwinden kann, ist ein wirksames Liquiditätsmanagement nicht mehr nur eine regulatorische Verpflichtung: Sie ist zu einem  entscheidenden Faktor für Solidität, Glaubwürdigkeit und Nachhaltigkeit geworden.